

Dr. med. Imke Windmüller: Mich überrascht immer wieder, wie vielfältig die Beschwerden in den Wechseljahren sein können. Weniger bekannt ist, dass auch Herzstolpern, Gelenkschmerzen oder eine ausgeprägte emotionale Dünnhäutigkeit hormonell bedingt sein können. Viele Frauen bringen diese Beschwerden zunächstgar nicht mit den Wechseljahren in Verbindung und suchen lange nach anderen Ursachen.
Die Ursache liegt in der nachlassenden Funktion der Eierstöcke. Mit zunehmendem Alter produzieren sie weniger Östrogen und Progesteron. Viele Frauen sind überrascht, wenn ich ihnen erkläre, dass die Wechseljahre viel mehr betreffen alsnur den Zyklus. Diese Hormone wirken praktisch im ganzen Körper. Deshalb könnendie Wechseljahre so unterschiedliche Beschwerden verursachen.
Am stärksten belastend sind für viele Frauen Schlafstörungen, Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen sowie Konzentrationsstörungen oder der sogenannte «Brain Fog», also Hirnnebel. Gerade schlechter Schlaf wirkt sich oft auf Energie, Leistungsfähigkeit, Stimmung und Lebensqualität aus.
Ja. Sehr starke oder lang anhaltende Blutungen können zu Eisenmangel und Blutarmut führen und sollten immer gynäkologisch abgeklärt werden. Wichtig ist ausserdem, Beschwerden nicht vorschnell den Wechseljahren zuzuschreiben. Hinter einzelnen Symptomen können auch andere behandlungsbedürftige Erkrankungen stecken.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Bereits ab etwa dem 30. Lebensjahr beginnt ganz physiologisch ein langsamer Muskelabbau. In den Wechseljahren wird dieser Prozess durch den sinkenden Östrogenspiegel zusätzlich beschleunigt. Da Muskelmasse ein wichtiger Motor unseres Energieverbrauchs ist, sinkt der Grundumsatz. Das bedeutet: Selbst wenn sie sich gleich ernähren und gleich viel bewegen wie früher, nehmen viele Frauen zu. Viele Patientinnen sagen denn auch zu mir: «Ich esse doch gar nicht mehr als früher.» Gleichzeitig verändert der sinkende Östrogenspiegel die Fettverteilung. Fett wird nun häufiger am Bauch eingelagert. Dieses sogenannte viszerale Bauchfett erhöht langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.
Die Gewichtszunahme hat nichts mit mangelner Disziplin zu tun, sondern liegt an mehreren biologischen Veränderungen, die in den Wechseljahren gleichzeitig stattfinden. Die nachlassende Progesteronproduktion kann zudem Wassereinlagerungen begünstigen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Schlaf. Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Beschwerden in den Wechseljahren. Wer dauerhaft schlecht schläft, hat oft mehr Hunger und Heisshunger und bewegt sich tagsüber weniger. Auch das kann eine Gewichtszunahme fördern. Wichtig ist aber auch, über den Tellerrand zu schauen.
Nicht jede Gewichtszunahme ist allein hormonbedingt. Deshalb überprüfen wir bei Bedarf auch die Schilddrüsenfunktion oder den Zuckerstoffwechsel, denn eine Schilddrüsenunterfunktion oder eine beginnende Insulinresistenz, eine Vorstufe von Diabetes, können ebenfalls eine Rolle spielen.

Die Menopause setzt heute im Schnitt mit 51 Jahren ein. Doch die Wechseljahre machen sich schon weit vorher bemerkbar. Sie sind aber keine Krankheit, sondern ein natürlicher Lebensabschnitt. Foto: Getty Images/Westend61
Regelmässige Bewegung ist der wichtigste Baustein. Die WHO empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche sowie zusätzlich Krafttraining. Gerade Krafttraining hilft, Muskelmasse zu erhalten und den Grundumsatz zu stabilisieren. Ebenso wichtig ist eine ausgewogene, eiweissreiche Ernährung mit viel Gemüse und möglichst wenig stark verarbeiteten Kohlenhydraten. Bei Frauen mit erhöhtem Risiko lohnt es sich ausserdem, den Zuckerstoffwechsel frühzeitig im Blick zu behalten.
Der wichtigste Schritt ist, Bewegung fest in den Alltag einzuplanen, idealerweise mit einer Kombination aus Ausdauer und Krafttraining. Ebenso entscheidend ist eine ausgewogene, eiweissreiche Ernährung. Wir unterstützen unsere Patientinnen dabei gerne und arbeiten bei Bedarf eng mit erfahrenen Ernährungsberaterinnen zusammen. In ausgewählten Fällen können auch Medikamente sinnvoll sein. Eine menopausale Hormontherapie führt zwar nicht direkt zu einer Gewichtsabnahme, sie kann jedoch Schlaf, Energie und Wohlbefinden verbessern und dadurch helfen, den Teufelskreis aus Müdigkeit, Heisshunger und Bewegungsmangel zu durchbrechen.
Der wichtigste Schritt ist, Bewegung fest in den Alltag einzuplanen, idealerweise mit einer Kombination aus Ausdauer und Krafttraining. Ebenso entscheidend ist eine ausgewogene, eiweissreiche Ernährung. Wir unterstützen unsere Patientinnen dabei gerne und arbeiten bei Bedarf eng mit erfahrenen Ernährungsberaterinnen zusammen. In ausgewählten Fällen können auch Medikamente sinnvoll sein. Eine menopausale Hormontherapie führt zwar nicht direkt zu einer Gewichtsabnahme, sie kann jedoch Schlaf, Energie und Wohlbefinden verbessern und dadurch helfen, den Teufelskreis aus Müdigkeit, Heisshunger und Bewegungsmangel zu durchbrechen.
Ja, bei manchen Frauen durchaus. Koffein kann Hitzewallungen verstärken und den Schlaf beeinträchtigen. Alkohol führt häufig zu einer schlechteren Schlafqualität und kann ebenfalls Hitzewallungen auslösen oder verstärken. Ein hoher Zuckerkonsum lässt den Blutzucker stark schwanken und kann Heisshunger fördern. Wichtig ist jedoch: Jede Frau reagiert unterschiedlich. Deshalb lohnt es sich, die eigenen Auslöser bewusst zu beobachten.
Die Ursachen hängen davon ab, in welcher Phase der Wechseljahre sich eine Frau befindet. Zu Beginn stehen häufig hormonelle Schwankungen und der nachlassende Progesteronspiegel im Vordergrund. Viele Frauen wachen mitten in der Nacht auf und finden nur schwer wieder in den Schlaf. Später führen vor allem Hitzewallungen zu wiederholten Weckreaktionen. Wer mehrmals pro Nacht aufwacht, fühlt sich am nächsten Tag verständlicherweise total erschöpft.
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache. Neben einer guten Schlafhygiene können pflanzliche Präparate einzelnen Frauen helfen, auch wenn die wissenschaftliche Evidenz unterschiedlich gut ist. Ist eine menopausale Hormontherapie sinnvoll, kommt bei Schlafstörungen häufig bioidentisches Progesteron zum Einsatz. Daneben stehen heute weitere hormonelle und nicht hormonelle Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die individuell ausgewählt werden sollten.

In den Wechseljahren leiden Frauen wegen der hormonellen Umstellung und Hitzewallungen häufig unter Schlafstörungen. Doch es gibt Behandlungsmöglichkeiten. Foto: Getty Images
Viele Frauen beschreiben das Gefühl, als würde ein «Nebel im Kopf» liegen. Konzentration, Wortfindung und Merkfähigkeit können vorübergehend nachlassen. Ursache ist wahrscheinlich ein Zusammenspiel aus hormonellen Veränderungen, Schlafmangel, Stress und der Belastung des Nervensystems. Die gute Nachricht: Brain Fog ist meist nicht anhaltend und lässt sich häufig durch eine Behandlung der eigentlichen Auslöser, etwa Schlafstörungen oder Hitzewallungen, deutlich verbessern.
Östrogen und Progesteron beeinflussen zahlreiche Botenstoffe im Gehirn, unter anderem Serotonin und GABA, die unsere Stimmung mitregulieren. Während der Perimenopause, also der Phase der hormonellen Umstellung vor der letzten Regelblutung, schwanken die Hormonspiegel oft stark. Viele Frauen beschreiben dies als regelrechte Achterbahnfahrt. Dadurch können Reizbarkeit, Ängstlichkeit oder depressive Verstimmungen auftreten. Wichtig ist, diese Beschwerden ernst zu nehmen. Es gibt heute sehr gute Behandlungsmöglichkeiten, von Veränderungen des Lebensstils über psychotherapeutische Unterstützung bis hin zu einer individuell angepassten Hormontherapie oder anderen Medikamenten.
Sinkende Östrogenspiegel beeinflussen das Temperaturzentrum im Gehirn. Dadurch werden Nervenzellen mit dem Botenstoff Neurokinin B überaktiv. Das Gehirn interpretiert die normale Körpertemperatur plötzlich als zu warm. Die Blutgefässeer weitern sich, es kommt zu Hitzewallungen und Schweissausbrüchen. Diese dauern meist von 30 Sekunden bis zu wenigen Minuten und können unterschiedlich häufig auftreten.
Östrogen sorgt dafür, dass Haut und Schleimhäute gut durchblutet, elastisch und feucht bleiben. Mit sinkendem Östrogenspiegel werden sie trockener und empfindlicher. Besonders häufig betroffen ist der Intimbereich. Es kann zu Brennen, Juckreiz, wiederkehrenden Harnwegsinfektionen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr kommen. Diese Beschwerden werden heute als Genitourinäres Syndrom der Menopause bezeichnet. Die wirksamste und am besten untersuchte Behandlung ist eine lokale Therapie mit niedrig dosierten Östrogenpräparaten, beispielsweise als Creme oder Vaginalzäpfchen. Ergänzend helfen pflegende Fettcremes. Neuere therapeutische Möglichkeiten bietet auch die vaginale Lasertherapie, die bisher jedoch keine Standardtherapie darstellt.

Der sinkende Östrogenspiegel kann zu Scheidentrockenheit führen und das Sexleben von Paaren beeinträchtigen. Das kann zu Spannungen führen. Auch hier ist Abhilfe möglich. Foto: Getty Images
Ja. Viele Frauen berichten in den Wechseljahren über trockene Augen, teilweise auch über einen trockenen Mund. Hormonelle Veränderungen können die Tränenproduktion beeinflussen. Bei stärkeren Beschwerden helfen Tränenersatzmittel oder eine augenärztliche Mitbeurteilung.
Am häufigsten ist eine genetische Veranlagung. Waren Mutter oder Schwester frühin den Wechseljahren, besteht ebenfalls ein erhöhtes Risiko für die Patientin. Weitere Ursachen sind Operationen an den Eierstöcken, Chemo- oder Strahlentherapien. Treten die Wechseljahre bereits vor dem 40. Lebensjahr auf, sollte dies immer gynäkologisch abgeklärt werden. In der Regel wird dann eine Hormonersatztherapie bis zum natürlichen Menopausenalter empfohlen, um Knochen und Herz-Kreislauf-System zu schützen
Die Wechseljahre sind sehr vielschichtig und können sich mit ganzunterschiedlichen Beschwerden bemerkbar machen. Viele Symptome wie Schlafstörungen, Herzklopfen, Gelenkschmerzen, Konzentrationsprobleme oder Stimmungsschwankungen können auch andere Ursachen haben. Die Perimenopause beginnt häufig bereits zwischen dem 40. und 45. Lebensjahr, einem Lebensabschnitt mit hoher beruflicher und familiärer Belastung. Umso wichtiger ist es, den Frauen zuzuhören, ihre Beschwerden ernst zu nehmen und sie im Gesamtkontext zu betrachten.
Die menopausale Hormontherapie gehört bei belastenden Wechseljahrbeschwerden zu den wirksamsten Behandlungen. Ob sie infrage kommt, hängt jedoch immer vonden Beschwerden, den persönlichen Risikofaktoren und den Wünschen der Patientin ab. Deshalb sollten Nutzen und mögliche Risiken immer individuell besprochen werden.
Am besten dann, wenn erste Beschwerden auftreten oder die Lebensqualitäteingeschränkt ist. Viele Frauen warten unnötig lange. Eine frühzeitige Beratungschafft Klarheit und ermöglicht es, gemeinsam die passende Behandlung zu finden, unabhängig davon, ob diese hormonell oder nicht hormonell erfolgt.

Hilfreiches Pflaster: Eine Hormonersatztherapie kann Wechseljahr-Symptome lindern.
Foto: Getty Images
Nach der Verunsicherung durch eine grosse amerikanische Studie von 2002 (die WHI-Studie) hat sich die Datenlage in den vergangenen Jahren deutlichweiterentwickelt. Heute wissen wir, dass eine individuell ausgewählte Hormontherapie für viele Frauen sicher und sehr wirksam sein kann.
Auch dann gibt es heute viele Möglichkeiten. Die Basis bilden ein gesunder Lebensstil mit regelmässiger Bewegung, Krafttraining, ausreichend Schlaf sowie eine ausgewogene Ernährung. Ergänzend kommen, je nach Beschwerden, kognitive Verhaltenstherapie, pflanzliche Präparate, Melatonin, bestimmte Antidepressiva oder zum Beispiel Neurokinin-Rezeptor-Antagonisten, die unter anderem Hitzewallungen reduzieren, infrage. Gemeinsam finden wir für jede Frau diepassende Therapie.
Das durchschnittliche Alter der natürlichen Menopause liegt heute, wie bereits vorüber 100 Jahren, bei etwa 51 Jahren. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung deutlich gestiegen. Eine 50-jährige Frau hat heute häufig noch mehr als 30 gesunde Lebensjahre vor sich. Deshalb geht es in den Wechseljahren nicht nur darum, Beschwerden zu lindern, sondern auch die langfristige Gesundheit zu erhalten, beispielsweise im Hinblick auf Knochen, Herz-Kreislauf-System und Stoffwechsel.
Frauen müssen Beschwerden nicht mehr einfach hinnehmen. Heute gibt es viele sehr gute therapeutische Möglichkeiten. Mein wichtigster Rat lautet deshalb: Lassen Sie sich beraten, und zwar von jemandem, der sich Zeit nimmt. Viele spezialisierte Praxen bieten hierfür inzwischen eigene Hormonsprechstunden an. So auch wir, auf Wunsch bequem per Videosprechstunde.